In den Kirchen und Palästen der Lombardei schuf Bernardino Luini Gesichter, die zwischen unmittelbarer Gegenwart und stiller Versenkung zu schweben scheinen. Bernardino Luini, um 1480-82 als Bernardino de Scapis geboren und im Juni 1532 in Mailand gestorben, war ein norditalienischer Maler der Hochrenaissance, dessen Werk sich im mächtigen künstlerischen Umfeld Leonardo da Vincis entwickelte. So überzeugend eignete er sich Elemente von Leonardos Bildsprache an, dass zahlreiche Arbeiten Luinis später dem älteren Meister zugeschrieben wurden. Seine sanften Frauengestalten mit den langgezogenen, gesenkten Augen wurden schließlich so unverwechselbar, dass sich dafür sogar der Begriff "Luinesque" einbürgerte.
Seine Herkunft war wesentlich provinzieller. Luini stammte aus Runo, einem kleinen Ortsteil von Dumenza nahe dem Lago Maggiore und damit weit entfernt vom politischen und künstlerischen Zentrum des damaligen Mailand. Im Jahr 1500 zog er mit seinem Vater dorthin. Über seine Ausbildung ist wenig Sicheres bekannt. Der Maler und Kunsttheoretiker Giovanni Paolo Lomazzo bezeichnete später Giovan Stefano Scotto als seinen Lehrer; eine andere Überlieferung brachte Luini mit Ambrogio Bergognone in Verbindung. Beide Annahmen verankern den jungen Künstler zunächst fest in der lombardischen Malerei, noch bevor Leonardos Vorbild für sein Werk bestimmend wurde.
Zwischen etwa 1504 und 1507 hielt sich Luini möglicherweise in Treviso auf. Mit dieser Phase wird eine Madonna mit Kind in Verbindung gebracht, die mit "Bernardinus Mediolanensis faciebat" signiert ist, deren Zuschreibung jedoch umstritten bleibt. Auch seine frühesten bekannten Fresken entstanden außerhalb Mailands. Um 1505 malte er eine Anbetung der Könige in San Pietro in Luino; zudem wird ihm ein Fresko mit dem heiligen Gerhard der Maler im Presbyterium des Doms von Monza zugeschrieben. Schon diese Arbeiten zeigen einen Künstler, dessen Laufbahn vor allem durch kirchliche Aufträge und weniger durch spektakuläre Hofpatronage vorangetrieben wurde.
Nach seiner Rückkehr nach Mailand erhielt Luini 1509 den Auftrag für ein Polyptychon. Der größte Teil ist verloren, doch ein Heiliger Antonius von Padua befindet sich heute im Museo Poldi Pezzoli. Die Nähe zu Bernardino Zenales Polyptychon von Cantù zeigt, wie stark Luini damals noch in der lokalen Tradition verwurzelt war. Gleichzeitig bot Leonardos Wirken in Mailand ein völlig anderes Repertoire - weich modellierte Konturen, psychologische Mehrdeutigkeit, fließende Übergänge der Hauttöne und jene atmosphärische Abstufung, die mit dem Sfumato verbunden ist. Luini übernahm solche Mittel selektiv und verwandelte sie in eine ruhigere, häufig unmittelbar zugängliche Form religiöser Malerei.
Von 1509 bis 1514 arbeitete er an einem bedeutenden Freskenzyklus für die Villa Pelucca in Sesto San Giovanni. Teile davon befinden sich heute in der Pinacoteca di Brera in Mailand. Auftraggeber war Girolamo Rabia, für den Luini außerdem mythologische Szenen im Palazzo Rabia ausführte. Diese Werke sind inzwischen zwischen der Gemäldegalerie in Berlin und der National Gallery of Art in Washington, D.C. aufgeteilt. Sie zeigen eine thematische Vielseitigkeit, die angesichts seines späteren Rufes als Maler von Madonnen und Heiligen leicht übersehen wird. Religiöse Innigkeit und profane Erzählfreude standen bei ihm durchaus nebeneinander.
In den 1510er Jahren nahm die Zahl seiner Aufträge deutlich zu. Luini arbeitete im Oratorium Santa Maria Nuova in Pilastrello, schuf eine Beweinung des toten Christus für Santa Maria della Passione in Mailand und malte die Madonna della Buonanotte in der Abtei Chiaravalle. 1516 folgten Fresken in San Giorgio di Palazzo, weitere entstanden in der Certosa di Pavia. Zwischen Klöstern, Kirchen, Villen und städtischen Innenräumen entwickelte er sich zu einem der gefragtesten Freskenmaler der Lombardei. Das tatsächliche Ausmaß dieser Tätigkeit wird heute leicht unterschätzt, weil zahlreiche Arbeiten später abgenommen, verstreut oder anderen Künstlern zugeschrieben wurden.
1521 reiste Luini nach Rom. Dort begegnete er der von Raffael geprägten Bildwelt, die sein kompositorisches Denken erweiterte. Spätere Fresken, darunter Arbeiten im Zusammenhang mit der Villa Pelucca aus den Jahren um 1520 bis 1523 sowie heute in der Brera aufbewahrte Gemälde, zeigen eine größere räumliche Klarheit und eine stärker monumentale Ordnung. Leonardo blieb entscheidend, doch Raffael bot ein anderes Modell - weniger rätselhaft, dafür übersichtlicher und architektonisch gefasster. Zwischen diesen beiden Möglichkeiten entwickelte Luini seine reife Formensprache, ohne sich einer von ihnen vollständig zu unterwerfen.
Ein bedeutender Auftrag folgte 1523 in der Basilica di San Magno in Legnano. Dort schuf Luini ein Polyptychon mit der thronenden Madonna und dem Kind im Zentrum, umgeben von musizierenden Engeln und überhöht von Gottvater. Intimität und feierliche Repräsentation werden hier sorgfältig miteinander verbunden. Die Gesichter bleiben sanft und zurückgenommen, während der Aufbau jene klare Hierarchie besitzt, die ein öffentliches Altarwerk verlangte.
Um 1525 begann eines der wichtigsten Projekte seiner Laufbahn: der Freskenzyklus mit Szenen aus dem Leben Mariens und Christi im Santuario di Santa Maria dei Miracoli in Saronno. Im selben Jahr entstand auch das Fresko an der Gegenfassade von Sant'Abbondio in Como. Eine spätere Legende brachte seinen Aufenthalt in Saronno sogar mit der Entstehung des Amaretto in Verbindung - eine reizvolle Erzählung, aber kein gesicherter biografischer Befund. Wesentlich aussagekräftiger ist die enorme Produktivität dieser Jahre. Neben monumentalen Kirchenaufträgen entstanden eigenständige Gemälde wie die Heilige Familie im Museo del Prado, zwei Fassungen der Salome im Museum of Fine Arts in Boston und in den Uffizien sowie das Bildnis einer Dame in der National Gallery of Art in Washington. Eine Madonna mit Kind und Heiligen von 1526 ist für die Lee-Fareham-Sammlung in Richmond dokumentiert.
Besonders einprägsam wurden Luinis Frauengestalten. Die langgezogenen Augen, das zurückhaltende Lächeln und die stillen Gesichtsausdrücke erinnern an Leonardo, übernehmen jedoch nicht dessen psychologische Spannung. Bei Luini wird das Geheimnis zugänglicher. Die heilige Figur erscheint nachdenklich, aber nicht entrückt, und Schönheit dient eher der Andacht als der Selbstdarstellung. Vielleicht erklärt gerade diese emotionale Zurückhaltung, weshalb seine Bilder so leicht Bewunderung fanden - und über Jahrhunderte ebenso leicht mit Gemälden Leonardos verwechselt werden konnten.
1529 vollendete Luini mit dem großen Fresko der Passion und Kreuzigung in Santa Maria degli Angeli in Lugano eines seiner ambitioniertesten erhaltenen Werke. Weitere Malereien in derselben Kirche ergänzten das Programm. Die monumentale Aufgabe verlangte die Koordination zahlreicher Figuren und einzelner Handlungsmomente auf einer ausgedehnten Wandfläche, ohne die Lesbarkeit der Erzählung zu verlieren. Zu diesem Zeitpunkt war Luini ein erfahrener Freskant, der ebenso sicher intime Tafelbilder wie komplexe öffentliche Bildzyklen bewältigte und dennoch die charakteristische Weichheit seiner Figuren bewahrte.
1531 kehrte er nach Saronno zurück, um weitere Fresken im Heiligtum auszuführen. In den späten Arbeiten tritt Leonardos Vorbild erneut stärker hervor. Die Heilige Anna in der Pinacoteca Ambrosiana sowie die heute in der Eremitage befindliche Heilige Katharina zeigen, wie intensiv Luini weiterhin Leonardos Gesichtstypen, Gesten und tonale Übergänge studierte. Gerade diese Nähe erschwert Zuschreibungen bis heute. In jüngerer Zeit vertrat der Kunsthistoriker Matthew Landrus sogar die These, Luini könne für den größten Teil des traditionell Leonardo zugeschriebenen Salvator Mundi verantwortlich gewesen sein, während Leonardo selbst nur einen begrenzten Anteil ausgeführt habe. Diese Auffassung ist keine allgemein anerkannte Zuschreibung, verdeutlicht jedoch, wie eng Luinis Werk bis heute mit den offenen Fragen um Leonardos Werkstatt und seinen Umkreis verbunden bleibt.
Bernardino Luini starb im Juni 1532 in Mailand. Sein Sohn Aurelio führte die künstlerische Tradition der Familie fort und wurde selbst ein versierter Maler. Luinis Ansehen schwankte später mit der wechselnden Bewertung der sogenannten Leonardo-Schule, doch seine besten Arbeiten verdienen eine eigenständige Betrachtung. Aus den Erfindungen anderer formte er etwas ausgesprochen Lombardisches - klar erzählte Fresken, zurückhaltende Andacht und einen unverwechselbaren Begriff menschlicher Schönheit. Vor seinen Figuren nimmt man heute zunächst weder Nachahmung noch Konkurrenz wahr, sondern Ruhe. Gerade darin liegt Luinis bleibende Kraft.