John Frederick Lewis Gemälde Reproduktionen 1 von 2
1805-1876
englischer Romantik Maler
In einem traditionellen Herrenhaus in Kairo - mit geschnitzten Holzgitterwerken, kühlen Höfen und jener gedämpften Stille, die einen unwillkürlich leiser sprechen lässt - fand John Frederick Lewis ein Sujet, das er nicht nur betrachtete, sondern bewohnte. Am 14. Juli 1804 in London geboren und am 15. August 1876 - nach einem langen Rückzug nach Walton-on-Thames - gestorben, wurde er zu einem der aufmerksamsten englischen Orientalisten: ein Maler, der Räume, Textilien und Architektur so ernst nahm wie Gesichter und der Nähe zuließ, ohne je aufdringlich zu werden.
Lewis’ Ausgangspunkt war großstädtisch und handwerklich geprägt. Sein Vater, Frederick Christian Lewis, arbeitete als Kupferstecher und Landschaftsmaler - ein Metier, das Präzision belohnt und Unschärfe bestraft - und die Familie bewegte sich in einem Netz aus Gewerken und Bildern: Der Onkel Charles Lewis war ein führender Buchbinder; auch die Brüder gingen künstlerische Wege, wobei Charles George Lewis später vor allem als Reproduktionsstecher bekannt wurde, besonders nach Edwin Landseer. Landseer war mehr als ein berühmter Nachbar: Er war ein Freund aus Kindertagen, und beide wurden gemeinsam in der Werkstatt von Sir Thomas Lawrence ausgebildet. Der junge Lewis näherte sich zunächst der Tiermalerei, nahe bei Landseers Terrain - und er legte sie nie wirklich ab, sondern nahm sie als leises Motiv in andere Welten mit.
Wer sein Werk als Ganzes betrachtet, merkt schnell: Ein Tier ist bei ihm selten bloß Staffage. Mitte der 1820er Jahre veröffentlichte er druckgrafische Serien - zunächst Großkatzen, dann Haustiere (beides 1826) - und malte zwei große Szenen mit Tieren im Windsor Great Park, heute in der Royal Collection (John Clark(e) with the animals at Sandpit Gate, um 1825) und in der Tate Britain. Solche Motive verlangen zeichnerische Entschlossenheit: Fell, Muskel, der kleinste Dreh des Kopfes, der nie ganz stillhält. In dieser frühen Schule liegt bereits jene Disziplin, die später geschnitztes Holz und eingelegte Möbel mit derselben beharrlichen Genauigkeit erfasst. Vielleicht lehrten ihn gerade Tiere eine Ethik des Sehens - Aufmerksamkeit als Respekt, nicht als Besitz.
Die Reisen öffneten Palette und Rhythmus. 1827 unternahm er eine Europatournee - im selben Jahr begann er mit Aquarellmalerei - und das Medium passte: schnell genug für wechselnde Straßenszenen, zugleich kontrolliert genug für die Logik von Licht und Schatten. Zwischen 1832 und 1834 reiste er nach Spanien und Marokko und arbeitete mit der Energie eines Künstlers, der alles für später speichern will. Aus den spanischen Jahren entstanden Zeichnungen, die als Lithografien publiziert wurden: Sketches and Drawings of the Alhambra, made during a Residence in Granada in the Years 1833–4 (1835), gefolgt von Lewis’s Sketches of Spain and Spanish Character (1836). Zeitweise nannte man ihn „Spanish Lewis“, eine praktische Unterscheidung zu seinem Bruder Frederick Christian - „Indian Lewis“ - der 1834 nach Indien ging und jung starb.
Er gehörte zu den frühen Reisenden auf einer Route, die bald fast unvermeidlich wirkte: nach Süden, nach Osten und weiter. Andere Engländer hatten Spanien bereits erkundet, und mehrere Künstler durchstreiften Mittelmeerraum und Osmanisches Reich - David Wilkie in Spanien, William James Müller 1838 in Kairo, David Roberts mit dem Blick des Lithografen - doch Lewis’ Aufenthalt war ungewöhnlich lang und konsequent. 1837 brach er erneut auf, reiste über Italien und Griechenland und erreichte 1840 Konstantinopel. Dann Ägypten: Von 1841 bis 1851 lebte er in Kairo in ausgesprochen großem Stil, in einem traditionellen Haus der Oberschicht, das später immer wieder zur Bühne seiner Bilder wurde. Das war kein flüchtiger Skizzenbuch-Tourismus, sondern ein Jahrzehnt aus Gewohnheit, Beobachtung und einer Fülle präziser Studien, die noch Jahrzehnte später „arbeiteten“.
Besucher hielten die Atmosphäre fest und machten sie öffentlich. William Makepeace Thackeray, ein alter Freund, beschrieb ihn als „languid Lotus-eater“, der ein „dreamy, hazy, lazy, tobaccofied life“ führe, in lokaler Kleidung und - unvergesslich - mit einem „Damascus scimitar“. Lewis ließ sich später häufig in solcher Tracht fotografieren, als sei das Kostüm zur zweiten Signatur geworden. 1847 heiratete er in Alexandria Marian Harper, und ihre Rolle ist für die moralische Temperatur dieser Kunst nicht nebensächlich: Anders als viele Orientalisten malte Lewis nie einen Akt, und Marian stand ihm für mehrere Haremszenen Modell. Wenn er den Harem imaginiert, dann nicht als Bühne entblößter Körper, sondern als Welt von Interieurs, Anstand und vollständig bekleideter Respektabilität - fast eine englische Häuslichkeit, in ägyptischen Raum übersetzt.
Zurück in London kam der Erfolg, noch ehe er wirklich zurückgekehrt war. The Hareem, ein 1850 in London gezeigtes Aquarell, wurde zum Ereignis und von John Ruskin und anderen Kritikern gefeiert - und bemerkenswerterweise ist es das einzige größere Werk, das mit Sicherheit noch in Kairo vollendet wurde. 1851 kehrte er endgültig heim, nicht mit einem Stapel fertiger Leinwände, sondern mit einem Schatz präziser Zeichnungen: Architektur, Möbel, Gitterwerke, Stoffe, Kostüme - ein ganzes Vokabular des Interieurs. Ab 1854 lebte er in Walton-on-Thames, und die folgenden Jahrzehnte glichen einer langsamen Ausarbeitung dieses Kairoer Jahrzehnts, so unmittelbar, dass selbst ein spätes Bild wie The Reception (1873) noch aus Zeichnungen des Hauses entstehen konnte, das er mehr als zwanzig Jahre zuvor verlassen hatte.
In den 1850er Jahren arbeitete er überwiegend im Aquarell, wechselte dann stärker zur Ölmalerei - schneller herzustellen, besser bezahlt - ohne die minutiöse Haltung aufzugeben, die seinen Ruf begründete. „Generally in spite of all my hard work,“ schrieb er einem Kollegen, „I find water colour to be thoroly [sic] unremunerative… rolling the stone up the hill… such little pay!“ Diese nüchterne Klage entwertet das Werk nicht, sie erklärt den Aufwand hinter den scheinbar mühelosen Oberflächen. In den 1860er Jahren malte er häufig zwei Fassungen derselben Komposition - ein Ölbild für die Royal Academy und zusätzlich ein Aquarell, dessen Preis er an den des Öls heranzuziehen versuchte. Bilder wie An Armenian lady, Cairo - The love missive (1855) und The Coffee Bearer (1857) zeigen, wie er Figuren überarbeitete, Blicke verschob und eine Nebenfigur aus einem Bild zur Hauptfigur eines anderen machte.
Seine Technik formulierte eine stille These. Unabhängig von den Präraffaeliten entwickelte Lewis eine verwandte Methode - Farbe in winzigen, kontrollierten Tupfen auf weißer Grundierung, wodurch ein leuchtender, fast juwelenhafter Effekt entsteht. Das ist Realismus eigener Art: nicht der raue Wahrheitsanspruch einer Straßenszene, sondern die langsame Wahrheit von Oberflächen, ernsthaft gesehen. Seine sorgfältige, fast zärtliche Darstellung islamischer Architektur, Ausstattung, Gitterwerke und Kleidung setzte neue Maßstäbe und wirkte über England hinaus - bis in spätere Arbeiten des französischen Orientalisten Jean-Léon Gérôme. Zugleich bleibt dieser Realismus mehr als Dokumentation. In den vornehmen ägyptischen Interieurs, aus denen westliche Einflüsse nahezu ausgesperrt scheinen, trägt der Raum selbst die Spannung - eine kontrollierte Choreografie von Figuren, Textilien und Licht, die sich einfachen Sensationen verweigert. Vielleicht lehrten ihn die langen Jahre in Kairo, dass Zurückhaltung ihr eigenes Drama besitzt.
Institutionen ehrten ihn, auch wenn er persönlich schwer greifbar blieb. 1855 wurde er Präsident der Society of Painters in Water Colours, trat 1858 zurück, weil die Regeln der Society das Ausstellen von Ölbildern untersagten, und wurde 1859 Associate der Royal Academy sowie 1865 Royal Academician. Er schrieb wenig, selbst in Briefen; bei einem Präsidentendinner 1855, bei dem er eine Ansprache halten sollte, stand er auf, schwieg eine Weile und setzte sich wieder. 1873 scheint seine Gesundheit eingebrochen zu sein, und er erholte sich nicht mehr, bevor er 1876 starb. Jahrzehntelang geriet er weitgehend in Vergessenheit, bis er seit den 1970er Jahren wieder mit Macht ins Blickfeld rückte - und die besten Arbeiten auf dem Kunstmarkt plötzlich Summen in Millionenhöhe erzielten. John Frederick Lewis RA bleibt heute ein Prüfstein unserer Aufmerksamkeit: Er verlangt, dass man länger hinsieht, als man es geplant hatte, und dass man erkennt, wie ein gemaltes Interieur eine ganze soziale Welt im Gleichgewicht halten kann.