Lorenzo Lotto verbrachte einen großen Teil seiner Laufbahn fern von jener Stadt, die ihm aufgrund seiner Herkunft als natürliche künstlerische Heimat hätte gelten können. Um 1480 in Venedig geboren und 1556 oder 1557 gestorben, war er ein italienischer Maler, Zeichner und Illustrator der Renaissance, der traditionell der venezianischen Schule zugerechnet wird, dessen bedeutendste Leistungen jedoch in Treviso, Bergamo und den Marken entstanden. Zwischen Hochrenaissance und frühem Manierismus entwickelte er eine Bildsprache von intensiver Farbigkeit, nervös bewegten Figuren und einer für seine Zeit außergewöhnlich wachen psychologischen Beobachtung.
Über Lottos Ausbildung ist nur wenig bekannt. Giovanni Bellini war vermutlich nicht sein Lehrer, doch die frühen Arbeiten lassen eine genaue Kenntnis von Bellinis Malerei erkennen; zugleich bot Giorgiones Naturalismus einen weiteren wichtigen Bezugspunkt. In der 1506 entstandenen Virgin and Child with St. Jerome, heute in der National Gallery of Scotland in Edinburgh, bewegt sich der junge Künstler noch deutlich innerhalb venezianischer Konventionen. Die Allegory of Virtue and Vice von etwa 1505, heute in der National Gallery of Art in Washington, verrät dagegen bereits eine eigenwilligere Vorstellungskraft. Allmählich entfernte sich Lotto von klassischer Ruhe und Ausgewogenheit und wandte sich einer bewegteren, emotional stärker gespannten Kunst zu, die stellenweise an die dramatische Lebendigkeit Correggios erinnert.
Wohl auch die Konkurrenz veranlasste ihn, Venedig früh zu verlassen. Giorgione, Palma der Ältere und vor allem der aufsteigende Tizian bildeten für einen jungen Maler eine kaum zu umgehende Konkurrenz. Bereits 1503 arbeitete Lotto in Treviso, einer wohlhabenden Stadt der Republik Venedig. Dort wurde Bischof Bernardo de' Rossi zu einem entscheidenden Auftraggeber. 1505 porträtierte Lotto den Bischof; als schützender Deckel des Bildnisses diente die Allegory of Virtue and Vice. Da de' Rossi zuvor einem Attentat entgangen war, erhielt diese Verbindung von Porträt und moralischer Allegorie eine besondere Bedeutung. Aus derselben Zeit stammt St. Jerome in the Desert im Louvre. Die Zeichnung ist noch nicht völlig sicher, doch die zerklüftete Landschaft und das kräftige Rot des Heiligengewandes zeigen bereits Lottos Gespür für Ausdruck, Atmosphäre und minutiöse Einzelheiten. Mit Altären für San Cristina al Tiverone 1505 und das Baptisterium der Kathedrale von Asolo 1506 etablierte er sich zugleich als ernst zu nehmender Maler kirchlicher Großaufträge.
Ab 1506 verlagerte sich sein Tätigkeitsfeld in die Marken. In Recanati begann er 1508 das große Polyptychon für San Domenico; Werke wie Adoration of the Child und Young Man against a White Curtain dokumentieren gleichzeitig die zunehmende Spannweite seiner religiösen Malerei und seiner Porträtkunst. Sein Ruf erreichte Bramante, der Lotto nach Rom vermittelte. Zwischen 1508 und 1510 arbeitete er dort an der Ausstattung der päpstlichen Gemächer. Diese Malereien wurden später zerstört. Wie Lotto unmittelbar auf Raphael und dessen rasch wachsenden Einfluss am päpstlichen Hof reagierte, lässt sich daher nicht mehr feststellen. Das Polyptychon von Recanati zeigt jedoch deutlich, dass er die neue monumentale Bildsprache Mittelitaliens aufmerksam verfolgte.
Nach weiteren Arbeiten in Jesi und Recanati kam Lotto 1513 nach Bergamo. Hier erreichte seine Kunst eine besondere Dichte. Wohlhabende Kaufleute, gebildete Angehörige freier Berufe und der lokale Adel bildeten einen aufgeschlossenen Kreis von Auftraggebern; zugleich gewann seine Beherrschung von Farbe und Zeichnung an Sicherheit. Der 1513 von Graf Alessandro Martinengo-Colleoni bestellte Martinengo-Altar für Santi Bartolomeo e Stefano, 1516 vollendet, eröffnete ihm die Möglichkeit zu einer monumentalen Komposition. In den folgenden Jahren entstanden Fresken, Altarbilder, private Andachtsbilder und Porträts, darunter das Portrait of a Young Man with a Book. In solchen Bildnissen wird der Dargestellte nicht lediglich repräsentiert. Ein Blick, eine Hand, ein Buch oder ein scheinbar nebensächlicher Gegenstand erhält psychologisches Gewicht und verwandelt die sichtbare Erscheinung in einen Hinweis auf innere Spannung.
In den religiösen Werken nahm diese Sensibilität eine andere Form an. Zwischen 1521 und 1523 vollendete Lotto mehrere weitere Altäre. 1524 schuf er in der Suardi-Kapelle in Trescore bei Bergamo einen umfangreichen Freskenzyklus. Die Geschichten der Heiligen entwickeln sich in einer Fülle kleiner Episoden und präziser Beobachtungen. Im Martyrdom of St. Claire erscheint Christus mit Weinranken, die aus seinen Händen hervorwachsen. Das neutestamentliche Bild vom Weinstock und seinen Reben wird dadurch zu einer zugleich theologischen und überraschend körperlichen Vision. Ebenfalls 1524 entwarf Lotto alttestamentliche Szenen für die Intarsien des Chorgestühls von Santa Maria Maggiore in Bergamo. Selbst in kleineren Madonnen und privaten Andachtsbildern löst er die klassische Symmetrie häufig durch gegenläufige Gesten, Bewegungen und emotionale Spannungen auf.
Die Rückkehr nach Venedig im Jahr 1525 brachte nicht die erhoffte Stabilität. Zunächst wohnte Lotto im Dominikanerkloster Santi Giovanni e Paolo, musste es jedoch nach einem Konflikt mit Fra Damiano da Bergamo wieder verlassen. Er richtete eine Werkstatt ein und sandte weiterhin Altarbilder in die Marken und in andere Städte. Gleichzeitig nahm die Zahl privater Porträtaufträge zu. Andrea Odoni von 1527, heute in der Royal Collection in Hampton Court, gehört zu den eindrucksvollsten Beispielen. Besitzstücke, Gestik und sorgfältig inszenierte Selbstdarstellung formen hier gemeinsam das Bild einer Persönlichkeit. Dennoch stand das venezianische Kunstleben zunehmend unter der Vorherrschaft Tizians. Lotto fand Auftraggeber, konnte sich aber innerhalb der Hierarchie der Stadt nie dauerhaft an die Spitze setzen.
Das wiederholte Weiterziehen bestimmte deshalb seine späten Jahre. 1532 ging Lotto erneut nach Treviso, verbrachte anschließend etwa sieben Jahre in den Marken, kehrte 1540 nach Venedig zurück, wechselte 1542 wieder nach Treviso und 1545 erneut nach Venedig, bevor er 1549 Ancona erreichte. Seine Produktivität blieb beträchtlich, doch wirtschaftliche Unsicherheit nahm zu. 1550 scheiterte in Ancona eine Auktion eigener Werke. Sein persönliches Rechnungsbuch zeigt, wie sehr ihn dieses Ereignis enttäuschte. Im Vergleich zu den großen öffentlichen Ereignissen der Renaissancekunst erscheint es nebensächlich, doch gerade darin liegt seine menschliche Wirkung. Ein angesehener Maler von etwa siebzig Jahren musste sich noch immer mit den alltäglichen Sorgen um Auftraggeber, Einkommen und Anerkennung auseinandersetzen.
1552 trat Lorenzo Lotto als Laienbruder in das Heiligtum von Loreto ein. Auch dort blieb er künstlerisch tätig, arbeitete an der Ausstattung der Basilika Santa Maria und malte die Presentation in the Temple für den Palazzo Apostolico. 1556 starb er und wurde seinem Wunsch entsprechend in einem Dominikanerhabit bestattet. Seine Briefe und das Libro di spese diverse aus den Jahren 1538 bis 1556 bewahren ein ungewöhnlich unmittelbares Zeugnis seines Arbeitslebens. Vasari nahm Lotto in die Vite auf, doch nach seinem Tod geriet der Maler zunehmend in Vergessenheit - nicht zuletzt deshalb, weil zahlreiche Werke in Kirchen kleinerer Städte und wenig besuchten Sammlungen verblieben. Erst Bernard Berenson rückte ihn gegen Ende des 19. Jahrhunderts wieder in das kunsthistorische Bewusstsein. Es folgten bedeutende Ausstellungen, darunter 1953 in Venedig, 1998 in Washington und später eine Porträtausstellung in der National Gallery in London. Heute wirkt Lorenzo Lotto gerade deshalb so gegenwärtig, weil er sich einer einfachen stilistischen Einordnung entzieht. Seine Porträts untersuchen die unsichere Grenze zwischen sichtbarer Erscheinung und innerem Denken; seine religiösen Bilder bringen menschliche Unruhe in die Ordnung der Renaissance. In dieser Spannung liegt bis heute ihre besondere Kraft.