Die Tiermalerei ist eine Gattung, in der Tiere die Hauptmotive bilden. Im Mittelpunkt stehen ihr Aussehen, ihre Bewegung, ihr Verhalten oder ihre ausdrucksvolle Gegenwart, einzeln dargestellt oder in einen größeren Zusammenhang eingebunden. Die Gattung umfasst Porträts von Pferden und Haustieren, Weideszenen mit Nutztieren, Jagdbilder und Darstellungen wild lebender Tiere. Diese Themen verbinden sie mit der Landschaftsmalerei, dem Alltagsleben und der Geschichte der Beziehungen zwischen Menschen und anderen Lebewesen.
Eine überzeugende Tierdarstellung beruht auf dem Verhältnis von Körperbau und Oberfläche. Die Stellung der Füße, der Winkel einer Schulter und die Verteilung des Gewichts bestimmen, wie ein Körper steht oder sich bewegt. Fell, Federn und glatte Haut verlangen unterschiedliche Rhythmen der Pinselführung, die jeweils der darunterliegenden Form folgen müssen. Da Tiere eine gewählte Pose selten beibehalten, stützten sich Maler auf wiederholte Beobachtungen, Skizzen, anatomische Studien und die Verbindung einzelner Eindrücke. Eine scheinbar spontane Bewegung kann daher das Ergebnis einer sorgfältig aufgebauten Komposition sein.
Tierdarstellungen entwickelten sich innerhalb unterschiedlicher Kunsttraditionen. Im China der Tang-Dynastie erlangte Han Gan im 8. Jahrhundert Berühmtheit als Pferdemaler. Er widmete der individuellen Erscheinung und Lebendigkeit seiner Tiere besondere Aufmerksamkeit. Auch die chinesische Vogel-und-Blumen-Malerei stellte enge Beziehungen zwischen Tieren, Pflanzen und dem Wechsel der Jahreszeiten her. In diesen Traditionen wirkten Beobachtung, symbolische Bedeutung und ausdrucksvolle Pinselführung zusammen. Das Gleichgewicht eines Vogels auf einem Zweig, die Drehung seines Kopfes oder die Krümmung eines Pferdehalses boten Möglichkeiten, Leben durch die Bewegung einer Linie zu vermitteln.
In der europäischen Renaissance zeigte Albrecht Dürer, welche bildnerischen Möglichkeiten die genaue Beschäftigung mit einem einzelnen Tier eröffnete. Sein „Feldhase“ von 1502 in der Wiener Albertina verbindet Aquarell- und Deckfarben auf Papier. Feine Pinselstriche beschreiben die wechselnde Wuchsrichtung und Beschaffenheit des Fells, während größere Tonwertzusammenhänge das kompakte Gewicht des kauernden Tieres vermitteln. Die Ohren, das wachsame Auge und der Schatten unter dem Körper tragen zu seiner Gegenwart bei. Der umgebende Freiraum lässt diese kleinen Unterschiede in Oberfläche und Haltung zu den eigentlichen Ereignissen des Bildes werden.
Im 17. Jahrhundert wurde die Tiermalerei in der Republik der Vereinigten Niederlande und in Flandern zu einem bedeutenden Spezialgebiet. Frans Snyders und Jan Fyt entwickelten anspruchsvolle Kompositionen mit Jagden, kämpfenden Tieren und Wild. Snyders arbeitete auch mit Peter Paul Rubens zusammen und fügte Tiere in Werke ein, an denen mehrere Spezialisten beteiligt waren. In Jagdszenen konnten sich kreuzende Diagonalen und dicht zusammengedrängte Gruppen Verfolgung und Gegenwehr zu einem kraftvollen Bildrhythmus ordnen. Darstellungen erlegten Wildes verbanden das Tiermotiv mit dem Stillleben, in dem Federn, Fell und die Anordnung der Körper einen wesentlichen Teil des visuellen Reizes ausmachten.
Paulus Potter verlieh Nutztieren in „Der Stier“ von 1647, heute im Mauritshuis in Den Haag, eine bemerkenswerte Bedeutung. Die große Leinwand zeigt das stehende Tier in einer ländlichen Umgebung mit einem Bauern, einer Kuh und Schafen. Sein breiter Körper und der gedrehte Kopf begründen eine beherrschende Präsenz, während kleinere Einzelheiten zum genauen Hinsehen einladen. Das Licht auf dem Fell, die Beschaffenheit des Bodens und der offene Himmel verbinden das Tier mit seiner Umgebung. Der Maßstab verändert die Begegnung: Ein vertrautes Hoftier beansprucht die Aufmerksamkeit des Betrachters mit der bildnerischen Autorität eines monumentalen Motivs.
Die Auftraggeber des 18. Jahrhunderts förderten Porträts besonders geschätzter Tiere. In Frankreich malten Alexandre-François Desportes und Jean-Baptiste Oudry Tiere aus dem Umfeld der königlichen Jagd und des Hoflebens. In Großbritannien brachte George Stubbs umfassende anatomische Kenntnisse in die Pferdemalerei ein. Sein um 1762 entstandenes Gemälde „Whistlejacket“ in der National Gallery in London zeigt ein sich aufbäumendes Pferd vor einem schlichten Hintergrund. Die angehobenen Vorderbeine, der gebogene Hals und der Schwung des Schweifs verleihen der Gestalt einen ausgreifenden Rhythmus. Vor der neutralen Fläche treten die Beziehungen zwischen Silhouette, Muskulatur und Licht besonders deutlich hervor. Das Porträt bewahrt die erkennbaren Merkmale eines bestimmten Pferdes in einer außergewöhnlich konzentrierten Komposition.
Die Maler des 19. Jahrhunderts untersuchten die emotionalen und dramatischen Möglichkeiten des Tiermotivs. Edwin Landseer rückte Haltung und Gebärde ins Zentrum von Bildern, die den Betrachter dazu anregten, in Tieren Treue, Trauer oder Wachsamkeit zu erkennen. Solche Deutungen gehören teilweise zu den menschlichen Geschichten, die um die Tiere entstehen. Eugène Delacroix näherte sich Löwen und Tigern durch Muskelspannung, gedrehte Bewegungen und eine energische Farbgebung. Seine Tierbilder ermöglichten verdichtete Begegnungen kraftvoller Körper. Diese Ansätze erweiterten die Tiermalerei von häuslicher Vertrautheit bis zu jener unruhigen Energie, die mit romantischen Naturvorstellungen verbunden war.
Rosa Bonheurs „Der Pferdemarkt“, 1852-1855 gemalt und heute im Metropolitan Museum of Art in New York, verlieh der Tiermalerei die Dimension eines großen öffentlichen Schauspiels. Wiederholte Besuche auf einem Pariser Pferdemarkt, bei denen sie zeichnete, lieferten das Material für das Werk. Über die breite Leinwand bewegen sich Pferdeführer und Tiere in einem weit ausschwingenden Zug. Richtungswechsel erzeugen einen Wechsel von Widerstand und Vorwärtsdrang. Erhobene Köpfe, fest aufgesetzte Hufe und sich drehende Körper machen die einzelnen Handlungen innerhalb der Gruppe erkennbar. Die sorgfältig geordnete Bewegung gibt den Tieren körperliche Kraft und hält zugleich die gesamte Szene überschaubar.
Im späteren 19. Jahrhundert entwickelte der schwedische Maler Bruno Liljefors eine enge Verbindung zwischen Wildtieren und ihrem Lebensraum. Seine Vögel, Füchse und Hasen bewohnen Landschaften, deren Gräser, Zweige, Schnee und Wasser aktiv bestimmen, was sichtbar wird. Die Tarnung macht das Entdecken eines Tieres zu einem Teil der Betrachtung. Ein gemustertes Fell kann beinahe in der Vegetation verschwinden, während ein plötzlicher Richtungswechsel einen bewegten Körper erkennbar werden lässt. Diese Malerei lenkt die Aufmerksamkeit auf die gesamte Umgebung und auf die Beziehungen zwischen Deckung, Sichtbarkeit, Verfolgung und Flucht.
Im frühen 20. Jahrhundert nutzte Franz Marc Tiere, um die Ausdruckskraft der Farbe und ein spirituelles Naturverständnis zu erforschen. Seine „Gelbe Kuh“ von 1911 im Solomon R. Guggenheim Museum in New York verwandelt ein vertrautes Tier durch leuchtende Farbe und einen beschwingten Sprung. Die Rundung des Rückens, die Bewegung der Beine und die farbigen Landschaftsformen erzeugen einen durchgehenden Rhythmus über die Leinwand. Die Kuh bleibt erkennbar, während ihr Körper Teil einer größeren Ordnung aus Linien und Flächen wird. Die Farbe vermittelt eine vorgestellte Qualität von Lebendigkeit und Energie und erweitert damit die Möglichkeiten der Gattung über die Beschreibung des äußeren Erscheinungsbildes hinaus.