Melchior d'Hondecoeter Gemälde Reproduktionen 1 von 4
1636-1695
niederländischer Barockmaler
Ein Pfau, der sein Rad schlägt, ein Kranich, der mitten im Schritt innehält, ein Hahn kurz vor dem Angriff - Melchior d'Hondecoeter wusste, dass das Schauspiel der Natur niemals bloß Zierde ist. Melchior d'Hondecoeter, um 1636 in Utrecht geboren und am 3. April 1695 in Amsterdam gestorben, schuf sich als niederländischer Tiermaler ein unverwechselbares Profil, indem er sich fast ganz den Vögeln widmete - nicht als Jagdbeute oder Dekoration, sondern als Wesen mit Präsenz, Eitelkeit, Unruhe und Hunger.
Utrecht war sein Ausgangspunkt, doch die Malerei war in seinem Umfeld längst gegenwärtig. Sein Großvater war Gillis d'Hondecoeter, sein Vater Gijsbert d'Hondecoeter, und über seine Tante Josina - die Jan Baptist Weenix heiratete - stand er zudem in enger Nähe zu einer weiteren bedeutenden Malerdynastie. Dieses Milieu bot nicht nur Ausbildung, sondern eine bestimmte Art des Sehens. Eine von Jan Weenix an Arnold Houbraken weitergegebene Anekdote setzt einen überraschenden Akzent. Als junger Mann soll Melchior von großer Frömmigkeit gewesen sein und so laut gebetet haben, dass Mutter und Onkel unsicher waren, ob seine Zukunft eher im Atelier oder auf der Kanzel liege. Gerade diese Bemerkung bleibt im Gedächtnis, weil sie unter der theatralischen Oberfläche seiner Kunst einen ernsten inneren Kern vermuten lässt.
Sein frühestes bekanntes Werk weist zunächst in eine andere Richtung. Das 1655 datierte Bild Tub with Fish im Herzog Anton Ulrich-Museum gehört an den Anfang seiner Laufbahn, als er sich noch nicht auf jene Vogelbilder festgelegt hatte, mit denen sein Name verbunden blieb. Auch Seestücke werden ihm für diese frühe Zeit zugeschrieben. Doch er verengte sein Feld bald - und eben diese Konzentration erwies sich als Gewinn. Anstatt sich auf viele Gattungen des Stilllebens oder der Tiermalerei zu verteilen, richtete er seinen Blick mit großer Konsequenz auf Geflügel, Wildvögel und exotische Arten und studierte Bewegung, Haltung und Interaktion mit ungewöhnlicher Beharrlichkeit.
1659 arbeitete er in Den Haag und trat der Confrerie Pictura bei. Diese Mitgliedschaft verankerte ihn im organisierten Kunstleben der Stadt und markiert den ersten klar fassbaren institutionellen Punkt seiner Laufbahn. Vier Jahre später, 1663, heiratete er Susanne Tradel aus Amsterdam, eine dreißigjährige Frau, die an der Lauriergracht lebte. Amsterdam wurde damit zur eigentlichen Bühne seines reifen Lebens. Dort wurden auch zwei Kinder getauft, 1666 und 1668. Das häusliche Leben scheint allerdings wenig harmonisch gewesen zu sein. Houbraken schildert Susanne als unerquicklich, dazu wohnten ihre Schwestern mit im Haus, und er zeichnet Hondecoeter als einen Mann, der Zuflucht im Garten oder in den Wirtshäusern des Jordaan suchte. Ob diese Schilderung durch Klatsch geschärft ist, lässt sich nicht entscheiden; doch sie verortet ihn in einem dichten sozialen Umfeld - unter Kunsthändlern, Malern und im geschäftigen Leben des Amsterdamer Grachtengürtels. Später zog er an die Leliegracht, unweit des heutigen Anne-Frank-Hauses.
Die Vögel wurden sein eigentliches Reich. Nicht totes Wild, sauber ausgelegt wie Warenbestand, sondern belebte Geschöpfe in parkartigen Landschaften, dekorativen Gehegen und inszenierten Naturbühnen. In seinen Bildern erscheinen verschiedene Gänsearten, Enten, Tauben, Rebhühner, Wacholderdrosseln und Elstern, aber ebenso ein kosmopolitisches Personal: Pfauen, afrikanische Kronenkraniche, asiatische Saruskraniche, Gelbhaubenkakadus aus Indonesien, ein Purpurnackenlori, Grauköpfchen aus Madagaskar und sogar der nordamerikanische Kardinal. Diese Spannweite zeugt nicht nur von malerischer Neugier, sondern auch vom globalen Horizont der Niederlande im 17. Jahrhundert, als Handel, Sammelleidenschaft und Repräsentation fremde Tierarten in fürstliche Gärten und private Menagerien brachten.
Entscheidend ist, wie d'Hondecoeter diese Tiere behandelte. Johannes Fyt hatte gezeigt, wie luxuriös sich Gefieder und Jagdbeute malen lassen; Frans Snyders hatte der Tiermalerei längst Größe und Pathos verliehen. Hondecoeter wählte eine konzentriertere Bühne. Selten verließ er den Bereich des Vogellebens, doch innerhalb dieses engeren Kosmos fand er eine erstaunliche Dramatik. Eine Henne sammelt ihre Küken, ein Hahn stellt sich seinem Rivalen, Wassergeflügel drängt, putzt sich oder reagiert gereizt. Bewegung ist überall - gereckte Hälse, halb erhobene Flügel, tastende Krallen. Oft wirken seine Kompositionen beinahe wie Gespräche. Ein aufschlussreiches Detail aus seinem Nachlassinventar verrät viel: Er besaß einen kleinen Galgen, mit dem er Vögel in die gewünschte Position brachte. Beobachtung verlangte bei ihm also nicht nur Einfühlung, sondern auch Konstruktion. Dass im selben Inventar sieben Gemälde von Frans Snyders verzeichnet waren, zeigt zudem, wie genau er sich im Verhältnis zu einer mächtigen flämischen Tradition verortete.
Nur wenige seiner Bilder sind sicher datiert, auch wenn viele signiert sind. Gerade deshalb sind die datierten Werke besonders wichtig. Jackdaw deprived of his Borrowed Plumes von 1671, heute im Mauritshuis in Den Haag, verrät seine Vorliebe für Anekdote und vogelhafte Charakterisierung. Game and Poultry und A Spaniel hunting a Partridge von 1672, heute in den Königlichen Museen der Schönen Künste in Belgien, führen ihn im klassischeren Feld der Jagdstillleben vor, ohne dass die Szene zu bloßer Schaustellung erstarrt. A Park with Poultry von 1686, heute in der Eremitage in St. Petersburg, gehört zur späten Phase, als der Pinsel breiter und die Oberfläche kompakter geworden war. Die frühen Arbeiten wirken im Allgemeinen sorgfältiger, heller und transparenter; die späteren verzichten auf einen Teil dieser Klarheit zugunsten größerer Kühnheit. Sicher bleibt sein Blick immer. Er weiß genau, wie ein Vogel Gewicht verlagert oder Raum einnimmt.
Auch die Auftraggeber bestätigten seine Stellung. Wilhelm III. beauftragte ihn, die Menagerie von Het Loo zu malen - eine Aufgabe, die nicht nur dekorative Wirkung verlangte, sondern auch den Umgang mit ungewöhnlichen Tieren wie indischem Rindvieh, Elefanten und Gazellen. Hinzu kamen Wandbespannungen mit Ansichten von Parks und Gebäuden sowie Arbeiten für die königlichen Schlösser Bensberg und Oranienstein. Diese Aufträge zeigen, dass man ihm in höchsten Kreisen vertraute und dass seine Kunst einem Geschmack entsprach, der Natur als geordnetes, höfisches Schauspiel sehen wollte. Am stärksten war er jedoch oft dort, wo das Format kleiner und die Aufmerksamkeit genauer wird - wenn Eitelkeit, Wachsamkeit oder Aggression eines Vogels selbst zum Thema werden.
Ein Schatten lag über seinem Lebensende. 1692 starb Susanne. Hondecoeter lebte danach im Haus seiner Tochter Isabel in der Warmoesstraat. Als er 1695 starb, wurde er in der Westerkerk beigesetzt und hinterließ seiner Tochter beträchtliche Schulden. Dieses nüchterne Ende steht in eigentümlichem Kontrast zum stolzen Gefieder und zur aufwendigen Repräsentation seiner Bilder. Vielleicht liegt gerade darin ein Teil seiner anhaltenden Wirkung. Melchior d'Hondecoeter lässt Eleganz unsicher wirken: Schönheit stolziert, streitet, erschrickt, verteidigt sich. Seine Gemälde sprechen noch heute, weil sie das Moment der Inszenierung in Natur und Gesellschaft präzise erfassen. Unter ihrer dekorativen Oberfläche liegt eine Beobachtungskunst von hohem Rang - genau, wacher Natur und mitunter überraschend zärtlich.