Alessandro Bonvicino, genannt Moretto da Brescia (um 1498-1554), war ein italienischer Maler der Renaissance, der vor allem Altarbilder und eine kleinere, kunsthistorisch bedeutende Gruppe von Porträts schuf. Den Mittelpunkt seiner Tätigkeit bildete Brescia. Dort erhielt er Aufträge von Kirchen, religiösen Gemeinschaften und wohlhabenden Bürgern. Die Stadt stand unter venezianischer Herrschaft, gehörte künstlerisch jedoch zugleich zum lombardischen Raum. Aus beiden Traditionen entwickelte Moretto seine Malerei: Er verband die genaue Erfassung von Menschen und Stoffen mit Anregungen aus der venezianischen Farbkunst.
Über seine Ausbildung ließ sich wenig Sicheres ermitteln. Die verschiedentlich genannten Lehrverhältnisse bei Vincenzo Foppa oder Tizian waren nicht durch eindeutige Dokumente belegt. Greifbarer wurde sein Werdegang mit den ersten Aufträgen. Für eine Kapelle der Brescianer Klosterkirche Santa Croce malte er 1514 Szenen zur Geschichte Maria Magdalenas; diese Ausstattung ging verloren. Von 1515 bis 1518 arbeitete er mit Floriano Ferramola an Orgelflügeln für den Alten Dom. Moretto übernahm die Innenseiten mit den Heiligen Faustinus und Giovita. Noch als sehr junger Maler erhielt er damit Aufgaben von beträchtlichem Umfang. Bereits 1516 bezeichnete ihn ein Dokument als Meister.
Eine wichtige Zusammenarbeit begann 1521 in San Giovanni Evangelista in Brescia. Gemeinsam mit Girolamo Romanino stattete Moretto die dortige Sakramentskapelle aus. Zu seinen Bildern gehörten das Letzte Abendmahl, die Mannalese, Elias und der Engel sowie Evangelisten und Propheten. Die alttestamentlichen Speisungswunder standen in einem inhaltlichen Zusammenhang mit der Eucharistie, deren Verehrung die Kapelle diente. Der Auftrag führte zwei eigenständige Vertreter der Brescianer Malerei an einem Ort zusammen. Zwischen 1524 und 1526 entstand außerdem Morettos Himmelfahrt Mariä für den Alten Dom. Neben der gemeinschaftlichen Kapellenausstattung übernahm er damit auch ein großes eigenständiges Altarbild für einen der wichtigsten kirchlichen Auftraggeber der Stadt.
Mit dem Bildnis eines Edelmannes von 1526 beschritt Moretto im Porträt einen ungewöhnlichen Weg. Der nicht sicher identifizierte Dargestellte ist in ganzer Figur wiedergegeben und lehnt an einer Säule; die Architektur schließt den Bildraum weitgehend ab. Kleidung und Auftreten lassen auf einen vermögenden Mann von Stand schließen, ohne ihn als Angehörigen eines regierenden Fürstenhauses auszuweisen. Das Werk zählt zu den frühesten selbstständigen Ganzfigurenbildnissen der italienischen Malerei. Gerade für einen solchen Auftraggeber war dieses repräsentative Format bemerkenswert. Die Verbindung von körperlicher Präsenz, zurückhaltender Gebärde und architektonischer Rahmung wurde für Morettos wichtigsten Schüler, Giovanni Battista Moroni, zu einem wesentlichen Vorbild.
Seine beruflichen Verbindungen reichten über Brescia hinaus. Im Dezember 1528 bat Lorenzo Lotto ihn um Mitarbeit an Santa Maria Maggiore in Bergamo. Eine Zahlung vom folgenden Monat galt der Reise und Arbeiten im Chor, die sich heute nicht mehr bestimmen lassen. Auch mit dem Orgelbauer Giovanni Giacomo Antegnati stand Moretto in Verbindung. Wegen der Wiederherstellung der Domorgel von Salò traf er ihn 1530 in Mailand. Sechs Jahre später lieferte er Bilder für eine neue Orgel im Alten Dom von Brescia. Zur kirchlichen Ausstattung, mit der er seinen Lebensunterhalt verdiente, gehörten also nicht allein Altarbilder, sondern ebenso die bemalten Teile großer Musikinstrumente.
1533 erlaubten ihm seine Einkünfte den Kauf eines Hauses im Viertel San Clemente. Zugleich nahm er am religiösen und städtischen Leben teil: Er war Mitglied angesehener Bruderschaften und besuchte Sitzungen der Domschule. Von seiner Frömmigkeit berichtete auch die spätere biografische Literatur. Nach Stefano Fenaroli, einem Autor des 19. Jahrhunderts, bereitete sich Moretto mit Fasten und Gebeten auf das Marienbild für das Heiligtum in Paitone vor. Als unmittelbar belegte Werkstattgewohnheit lässt sich diese Überlieferung nicht behandeln. Anlass des Bildes war die Nachricht, während der Pest von 1533 sei dort einem Hirtenjungen Maria erschienen.
In den dreißiger Jahren prägte Moretto sein charakteristisches, kühl und silbrig wirkendes Kolorit aus. Venezianische Farbigkeit verband er mit grauen Abstufungen und ruhig geordneten Figurengruppen. Hinzu kamen Anregungen durch Raffaels Kompositionen, die er vermutlich aus Druckgrafiken kannte. In diesen Zeitraum gehörte die Heilige Justina mit dem Einhorn und einem Stifter. 1539 vollendete er die Pala Rovelli: Nikolaus von Bari führt darauf die Schüler Galeazzo Rovellis zu Maria und dem Kind. Die Schülergruppe verankert das religiöse Geschehen in einer konkreten örtlichen Gemeinschaft. Für San Giorgio in Braida in Verona folgte 1540 ein weiteres Altarbild, ein Auftrag außerhalb seines Brescianer Wirkungskreises.
Während der vierziger Jahre arbeitete Moretto mehrfach für San Clemente in Brescia; 1548 entstand die Madonna di San Clemente. Daneben malte er 1543 Fresken in dem heute Palazzo Salvadego genannten Palast. Zu den Porträts dieser Jahre gehörte das Londoner Bildnis eines jungen Mannes. Der Dargestellte stützt den Kopf auf eine Hand; kostbare Kleidung und Ausstattung kennzeichnen seine gesellschaftliche Stellung. Um 1550 heiratete Moretto Maria Moreschini. Aus der Ehe gingen die Töchter Caterina und Isabella sowie der Sohn Pietro Vincenzo hervor. Zu den späten religiösen Werken zählte Christus mit dem Engel. Am 9. November 1554 verfasste Moretto sein Testament. Er starb vor dem 22. Dezember, an dem seine Testamentsvollstrecker eines seiner Häuser verkauften.
Nach Morettos Tod vollendete Luca Mombello 1555 das zurückgebliebene Gemälde Melchisedek und Abraham. Besonders folgenreich wirkte Morettos Porträtkunst bei Moroni weiter, sowohl in der aufmerksamen Wiedergabe individueller Erscheinungen als auch im repräsentativen Ganzfigurenbildnis. Zahlreiche religiöse Gemälde befinden sich noch in den Kirchen von Brescia und Umgebung und damit im Zusammenhang ihrer ursprünglichen Bestimmung. Die Brescianer Pinacoteca Tosio Martinengo bewahrt unter anderem die Pala Rovelli und Christus mit dem Engel. Porträts sind in der Londoner National Gallery zu sehen; die Heilige Justina mit dem Einhorn und einem Stifter gehört zum Kunsthistorischen Museum in Wien.